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Alles nur psychisch...

Im Jahr 2002 war ich 47 Jahre alt, verheiratet, hatte einen guten Job als Sachbearbeiterin Export/Import in einer grossen Bauzubehörsfirma. Ich verdiente anständig, hatte einen langen Arbeitsweg und leistete immer Mehrarbeit, wenn jemand in einer anderen Abteilung ausfiel.

Durch ein neues Computersystem in der Firma, welches jeden Arbeitsablauf verkomplizierte und eine sehr lange Einarbeitungszeit verlangte, wurde es für mich immer schwieriger bei der Arbeit Zufriedenheit zu spüren. Daher entschied ich mich anfangs 2002, jetzt sei es an der Zeit meinen Traum vom eigenen Café zu verwirklichen. Im Frühling hatte ich die ersten Panikattacken, hatte immer grössere Mühe Zug zu fahren, längere Strecken zu laufen, konnte Gesprächen nicht mehr folgen. Ich kündigte also meine Stelle, denn für mich waren das Zeichen, eine Veränderung her-beizuführen. Während der zweimonatigen Kündigungsfrist gings mir dann immer schlechter.

Im Sommer brach ich dann eines Tages zusammen. Der Arzt, zu dem ich am nächsten Tag mit Sehstörungen und Desorientierungzuständen ging, stellte eine Magenschleimhautentzündung fest, und dass etwas mit dem vegetativen Nervensystem nicht stimme. Ich bekam Tabletten für den Magen – das wars. Meine Bitte um ein Arztzeugnis für eine reduzierte Arbeitszeit (ich fühlte mich ausserstande ganze Tage zu arbeiten) wurde abgelehnt. Also musste ich nach 2 Tagen wieder zur Arbeit fahren. Es war so extrem anstrengend für mich dorthin zu kommen, dass ich bei Ankunft schon völlig fertig war. Die Sommerhitze gab mir den Rest. Ich konnte nicht mehr klar denken, Zusammenhänge zu verstehen war unmöglich, mied Gespräche mit Arbeitskollegen, ich konnte keine Zahlen mehr addieren und dazu immer diese Angstanfälle. Ich fühlte mich so elend und total verunsichert wie nie zuvor. Innerhalb kurzer Zeit velor ich 10 Kg Gewicht, obwohl ich damals noch regelmässig essen konnte. Ich hatte einen Tunnelblick, d.h. ich sah in den äusseren Augenwinkeln nichts – nur schwarz.

Als mein Hausarzt aus seinen Ferien zurück kam, ging ich zu ihm und schilderte ihm meine Lage
so gut ich konnte. Er gab mir Lexotanil und ein 50%-Arbeitsunfähigkeits-Zeugnis. Das Medikament liess mich im Stehen einschlafen und ich kam erst recht keine Treppe mehr hoch. Die letzten Tage der Kündigungsfrist verbrachte ich dann zu Hause im Bett mit Panikattacken, Schweissausbrüchen und Schlafen. Meine Matratze hatte ich zum Schlafen zwei Meter von der Toilette entfernt aufs Sofa gelegt. So konnte ich mich an den Türrahmen festhalten um aufs WC zu gelangen. Es musste immer „schnell“ gehen, denn mir wurde sofort schwarz vor Augen, wenn ich auf war.

Irgendwann bekam ich Seropram vom Arzt verschrieben gegen eine allfällige Depression. Da ging die Hölle erst recht los! Aus den Panikattacken und Schweissausbrüchen kam ich jetzt gar nicht mehr raus. Also setzte ich die Tabletten ab. Das alles hatte mich derart viel Energie gekostet, dass ich mich nun zwischen atmen und essen entscheiden musste, beides gleichzeitig ging nicht. Sprechen konnte ich nur das Nötigste. Mein ganzer Körper schmerzte, ich hatte Schwindelattacken und Herzrasen, dass es mich schüttelte, mir war ständig übel, ich fror nur noch, eine extreme Geräuschempfindlichkeit, Lichtscheu, Unverträglichkeit von Gerüchen, Kopfschmerzen, Durchfall, eine grosse innere Nervosität begleiteten mich täglich und noch so vieles mehr. So verbrachte ich die Zeit von August bis Dezember im absoluten Ausnahmezustand. Im Januar 2003 eröffnete ich mit meiner Schwester zusammen einen Take-away-Laden mit Café. Ich muss wohl nicht weiter erwähnen, dass das nicht ging und wir nach kurzer Zeit wieder schliessen mussten.

Wenige Male schaffte ich es zum Arzt, immer in der Hoffnung, er möge doch endlich was finden, was meinen krassen Zustand erklären würde. Irgendwann sagte er mir, er könne mir nicht helfen, ich müsse selber weiter schauen.
Mir war klar, dass es keinen Sinn hatte zu einem anderen Arzt zu gehen. Ich war kräftemässig eh nicht in der Lage meine Geschichte immer wieder von neuem zu erzählen.

In den Jahren von 1988-1990 war ich in einem ähnlichen Zustand – nur nicht so krass. Ich ging zu
7 Aerzten und ins Unispital. Einige Aerzte lachten mich sogar aus, andere meinten mein Zustand sei rein psychisch. Mein späterer Hausarzt eröffnete seine Praxis Ende 1990 an meinem Wohnort. Er fand endlich heraus, dass ich an einer Schwermetallvergiftung litt (von den Amalgam-Zahn-plomben). Da er selber deswegen fast an Nierenversagen gestorben wäre, war er informiert über dieses, damals noch „neue Gebiet“ und konnte mir helfen.

Mangelndes Wissen über CFS bei Aerzten, Psychologen und Psychiatern ist meiner Ansicht nach das Hauptproblem warum man falsch beurteilt wird und niemand eine Rente bekommt. Nach all den Dokumentationen die ich über die CFS-Forschung in den USA und anderen Staaten gelesen habe, frage ich mich, wo die von der IV ernannten Gutachter ihr Wissen über diese Krankheit her haben könnten. Ich fürchte, wir Betroffenen werden von Nichtwissenden begutachtet.

Mein Ehemann war mit der neuen Situation schon sehr bald überfordert und schaute sich anderweitig um. Ich liess mich scheiden. Ich ertrug niemanden mehr in meiner Nähe.
Meine früheren Arbeitskolleginnen, die sich anfangs noch ab und zu gemeldet hatten, gaben auch bald auf, da ich nie in der Lage war, mich mit Ihnen zu verabreden. Von einigen Bekannten musste ich mich verabschieden, denn ich ertrug die blöden Sprüche nicht mehr wie: “Jeder hat mal einen schlechten Tag“ oder „Du musst halt gesund werden wollen“ etc. Ich wollte ja nichts sehnlicher als das! Ich wollte mein Leben zurück haben!

Nach eineinhalb Jahren bekam ich von einem Psychiater die Diagnose Neurasthenie. Er meinte, das sei eine alte Bezeichnung, neu heisse es CFS. Im Bericht an meinen Hausarzt stand dann, der Grund hierfür sei meine mangelnde Zukunftsperspektive! Ich war 4 Jahre in Psychotherapie und ein halbes Jahr in Verhaltenstherapie. Je länger die Psychtherapie andauerte, desto schlechter gings mir psychisch. Ich konnte einfach nicht mehr ertragen, ständig mein Leben durchkauen zu müssen, während ich doch vorwärts schauen wollte und etwas finden wollte, was mir wirklich helfen würde.

An alternativen Heilmethoden habe ich noch die Chinesischen Kräuter ausprobiert. Diese halfen mir gut gegen den chronischen Durchfall. Akupunktur war zuviel für mich. Die Bioresonanz verhalf mir ab und zu zu leichteren Stunden kurz nach der Behandlung. Beim Heilpraktiker, der sich mit Homöopathie und Radionik etc. auskennt, bin ich seit bald 3 Jahren in Behandlung. Es wurde bei mir alles ausgeleitet, was man ausleiten kann. Seelische Blockaden wurden aufgelöst, sogar meine Depressionen konnten mit Homöopathie behoben werden. Ich habe aber immer wieder Rückfälle.
Ausser, dass es im Kopf leichter geworden ist und es nicht mehr rauscht wie vorher, die Gedanken nur noch bei Stress sich endlos im Kreis drehen, sich der Schwindel verringert hat und der Mo-ment ab dem gar nichts mehr geht, etwas später einsetzt als vorher, ist leider vieles unverändert geblieben.

Ich leide immer noch an massiven Schlafstörungen. Seit die 4 Jahre andauernde Uebelkeit bei Tag und Nacht vorbei ist, leide ich nun an ständiger Unterzuckerung. Alle zwei Stunden muss ich essen, daher nehme ständig an Gewicht zu.
Ich muss es immer noch am nächsten Tag büssen, wenn ich mich zu sehr angestrengt habe (emotional oder körperlich). Dann geht’s mir wieder wie am Anfang der Geschichte: ich liege wieder im Bett für Tage und hab das Gefühl durchzudrehen.
Allergien und Unverträglichkeiten nehmen ständig zu. Kreislaufprobleme, katastrophales Kurzzeit-gedächtnis, ewige Müdigkeit, Verzweiflung und Existenzängste (und vieles mehr) sind meine ständigen Begleiter geworden. Ganz zu schweigen von der Einsamkeit nach 7 Jahren alleine leben in einer Einzimmerwohnung!

Ich hätte noch vieles zu erzählen, z.b. über die Unverschämtheiten des SVA, den erbarmungslosen Druck des RAV, über die Gutacher für die wieder „alles nur psychisch“ ist, aber mir fehlt der Elan.

Ach ja! Ich habe einen Invaliditätsgrad von 34% und somit keinen Rentenanspruch. Wundert sich etwa jemand?
Das Sozialamt stellt mir eine ausgezeichnete Anwältin, die meinen Fall bei der IV und dem Sozial-versicherungsgericht vertritt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was mich am Leben erhält ist, dass ich inzwischen weiss, dass diese schlimmste Zeit meines Lebens, einen tieferen Sinn für die Entwicklung meiner Seele hat. Dieses geistige Weiterkommen ist für mich etwas enorm Wichtiges geworden.

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