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01 August 2010

Eindrückliche Worte einer Betroffenen

Ballade in 5 Akten - Für R., A., N., mich und wie sie alle heissen…

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Aus dem Leben einer Taugenichte
oder:
Klagelied einer meist starken Spezies


1.
Wir werden kaum verstanden,
und schon gar nicht auf Anhieb.
Wir müssen uns erklären.
Wir müssen uns rechtfertigen.
Vor andern. Und manchmal vor uns selber.
Wir leisten zu wenig.
Wir lachen zu wenig.
Wir leben zu wenig.
Wir sind nicht glücklich genug.
Wir sind nicht unternehmungslustig. Verwirklichen zu wenig. Sind zu wenig positiv.
Wir machen etwas falsch. Mit unserem Leben ist etwas falsch.
Mit uns ist etwas falsch.
Und manchmal fühlen wir uns schuldig.
Gescheitert.
Versagt.
Lebensuntüchtig.
Jedenfalls ein bisschen.

Nein, nein. So denken wir ja nicht.
Nicht wirklich.
Meistens jedenfalls nicht
Oder schon lange nicht mehr. Und vor allem nicht laut.

Und die andern denken auch nicht so. Sie reden nicht so. Und vor allem nicht laut.
Nur manchmal, dann sind sie ein kleines bisschen misstrauisch. Und kurzsichtig.
Und ein wenig neidisch. Weil sie so viel molochen müssen. Geld verdienen. Stressen.
Und wir nicht.
So fühlen sie es dann. Und manchmal sogar laut.

2.
Wir haben wenig Kontakte.
Wir haben wenig Verwirklichungsmöglichkeiten.
Wir haben wenig Erlebnisse.
Wir kriegen wenig Anerkennung.
Wir erleben wenig Nähe.
Wir bleiben oft bedürftig und hungrig nach mehr.
Ein bisschen jedenfalls.

Wir ringen täglich um Balance.
Unser Körper lässt uns oft im Stich.
Nötigt uns zum gross verzichten.
Plagt uns, zwickt uns, drückt uns. Strengt uns an.
Wir leben nie drauflos.

Und wir werden selten unterstützt.
Ermutigt. Oder gar geschätzt.
Für dieses komisch stille Leben.
Wozu auch. Wie auch.
Sie wissen sich eh nicht zu helfen. Geschweige denn: uns.
Wir sind allein damit.
Und schweigen.
Wir haben wenig zu erzählen.
Wenig, was sie interessieren könnte.
Was tust du so?
– viel liegen, schlafen, ruhen, mich zurückziehen. Die innere Balance finden. Mich über Wasser halten.
Mich immer mal wieder für Dinge quälen, die über meine Kräfte gehen…
Muss ich auch!
…obwohl das Ding gar keine grosse Sache wäre. Und sogar erfreulich, klar: Ich bin zum Feste eingeladen!
Ist doch toll, dass tut doch gut!
… alles will man ja nicht streichen. - Das sag ich nicht mehr laut.
Es ist ja eh schon viel zu viel gestrichen.
Das denk ich nur noch, leise leise.
So hör ich‘s selber nicht zu laut.

3.
Tapfer sein. Und positiv.
Stark und mutig.
Heldenhaft und ohne Scham.
Das Gute sehen.
Glauben. Hoffen.
Nicht aufgeben.
Nie verzagen.
Klagen, jammern – nie.
Höchstens mal -
Nein.
Kein kleines Bisschen.

Antwort finden.
Sinn und Sein.
Und Gott.
Leben hier und jetzt.
Mit mir allein und meiner Not.

Symptome tragen.
Und Symptömchen.
Schwächephasen.
Zeiten so – und so.
Gelassen bleiben.
Heiter.
Wissen, nichts bleibt, wie es ist.
Auch die guten Phasen nicht.

Neue Therapieversuche wagen.
Neue Ärzte. Pillen. Und Termine.
Soll ich? Soll ich nicht?
Ja vielleicht.
Vielleicht auch jetzt gerade nicht.
Und wenn ja trotz doch was dann
und ob und schon
und nein und dies
ich weiss nicht recht
was doch und wann warum
vielleicht vielleicht - - -

4.
Das Leben läuft nicht, wie es sollte.
Schon lange lange Zeit nicht mehr.
Der Körper trägt und funktioniert nicht
wie er vorgesehen wär‘.
Man macht ganz selten zaghaft Pläne.
Und wenn, dann provisorisch nur - auf Widerruf.
Und dann: nicht weinen.
Sich nicht ärgern.
So war‘s doch kalkuliert.
Dem Gleichgewicht zuliebe,
dem sorgsam hergestellten, wacklig-zarten.
Auf uns ist doch Verlass.
- - - nur auf uns ist noch Verlass.

Und dann mal wieder: Einen Tag lang heulen.
Auch dies dem Gleichgewicht zugut.
Einen Tag lang nicht mehr tapfer sein - den Bettel schmeissen!
Es ist kein Schleck, dies löchrig-lotterige Leben!

5.
Dann rappeln wir uns wieder auf und machen weiter.
Gratwandern weiter.
Kommen gut voran.
Übung macht den Meister!

Dann sind wir glücklich.
Und ein bisschen stolz.
Wir machen’s gut!
Sehr gut sogar!
Und immer besser besser, weiter weiter - - -

Wir kriegen dafür selten Anerkennung.
Noch Auszeichnung. Die Aufstiegsmöglichkeiten sind gering. Gehalt bescheiden
Und was die Andren interessieren könnte und verstehn, gibt’s wenig zu erzählen.
Wenig, wenig, weder noch und piep und papp und kreuz und quer - - - wo war ich denn?
Wie soll der Andre mich verstehn.

Wir sind stark und tapfer, hart im Nehmen.
Klopfen selbst uns auf die Schultern.
Manchmal. Täglich.
Nein: zu wenig.
Ja.
Vielleicht.
Weiss nicht – ach komm.

Ab und zu –
Ja, ab und zu, da klopfen wir uns selber auf die Schultern,
nehmen selber wir uns in den Arm. Drücken stark und halten fest.
Lieben uns und sind geborgen.
Ab und zu und immer öfter
schreiben wir uns selber alles gut.

geschrieben von einer selber arg Gebeutelten - im März 2010

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