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„krank“?

„krank“?

Je länger ich krank bin, desto mehr sehe ich hinter das Wort „krank“. Eine Erweiterung offenbart sich mir. Hinter der von Aussen und Innen hingestellten Definition „krank“ – wartet ein Geist mit unendlich vielen Möglichkeiten. Auch wenn er anfangs nur durch ein Spalt der geöffneten Türe kurz durch scheint, wird es für mich von Jahr zu Jahr zu mehr Gewissheit. Den äusseren und inneren Widersachern zum Trotz zieht es mich dorthin.

Es braucht Mut und mein Durchhaltewille, nicht den gewohnten Denkmustern meiner Freunde, Familie und Gesellschaft nachzugeben. Weiter zu graben, bis der Durchbruch und damit mein Sein zum Vorschein kommt. Mein von der Familie und Gesellschaft geprägtes Wesen hat ausgedient, mein Ganzes hat mir im Zeichen einer völligen Immobilität aufgezeigt; so geht es nicht mehr. Ich klammere mich an die Diagnose und verteidige mich mit meiner Krankheit bei meinen Bekannten. Lasse es geschehen, erhole mich vom ersten Schreck.

Doch mein Körper lässt mir keine Ruhe, zwickt und zwackt, führt mich in grausame Schmerzen – nein, es ist kein Spass, krank zu sein. Auf allen Ebenen suche ich während Jahren nach der Lösung des Rätsels, unermüdlich – bis ich wieder erschöpft, einfach aufgebe. Keine Lösung ist in Sicht und doch immer mehr die Gewissheit, dass sich die Tür Jahr für Jahr mehr öffnet. Etwas Neues erscheint. Wer, was bin ich? Was ich war, das weiss ich nun. Und jetzt? Ich bin, mehr weiss ich nicht. Reicht dies? In diesem „ich bin“ ist so viel enthalten und doch ist mein körperlicher Radius noch sehr klein. In kleinen Schritten entdecke ich und die Welt mich. Im Kleinen – aus dem Herzen – einfach so. Jeder Tag, jede Minute etwas Neues, ich nehme am Leben teil – das Sein mit seinen Bewegungen im Mittelpunkt. In der Zwischenzeit in einem Netz von Menschen, die wie ich mutig ihre kleinen Schritte gehen und mit wenig viel bewirken.

Sind wir krank? – Ja und nein. Wir sind arbeitsunfähig im wirtschaftlichen Sinn und doch wertvolle Menschen auf eine andere Art. In uns wird etwas sichtbar, das vielen Angst macht. Wer hat schon die Gewissheit, dass er nicht eines Tages auch in dieser Situation ist? Wer hat schon Zeit, seine vielen inneren Seiten und Abgründe wahr zu nehmen? Wer ist schon genügsam mit dem, was der Alltag so bringt? Da werden wir abgewertet – wir funktionieren nicht so, wie es die heutige Gesellschaft von uns erwartet. Ich wage zu behaupten, dass es ein gesunder Mechanismus des Menschen sein kann, dass er krank wird. Eine Vorbereitung auf den Tod und damit ins Leben – das Loslassen von allem. Welch schwieriger Prozess. Wie viel Abwehr offenbart sich. Die innere Stimme immer wieder „ich war doch“ ... Unerbitterlich geht der Prozess weiter, es ist nicht wie etwa mit dem Wort „krank“ angenommen, ein Stillstand, nein, leise aber sicher geht es weiter, bis dass „ich bin“ genügt.


Der Text stammt von einem anonymen CFS-Patienten

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